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Rebellion gegen das Modediktat

Frech, witzig, unabhängig: Blogs foutieren sich um die Codes der etablierten Mode
Habe heute folgenden Artikel von BETTINA WEBER bei sonntagszeitung.ch gefunden:
Selbstverständlich hat sie nach einem Augenschein vor Ort sofort in die Tasten gehauen. Und der Welt auf ihrem Blog Playlust mitgeteilt, was sie von der Madonna-Kollektion für H&M hielt: nämlich wenig. Damit war die Schweizer Bloggerin Play nicht allein; in den Modeblogs wird zurzeit über nichts so hergezogen wie über die notorischen Kooperationen von Modehäusern und Prominenten. Madonna, Kylie, Kate, Milla, Penelope: Wir können es nicht mehr hören – und sehen erst recht nicht, lautet der Tenor.

Das sollte die Modebranche hellhörig machen. Die Blogs sind dabei, an Einfluss zu gewinnen und den Magazinen mit ihrer affirmativen Berichterstattung den Rang abzulaufen. Avantgardisten setzen auf Blogs, denn sie wissen: Wer modemässig am Puls der Zeit sein will oder gar einen Schritt voraus, der findet dort, wonach er sucht. Wer wissen will, was Trend wird, der schaut sich auf den einschlägigen Seiten mit den Street-Style-Fotos um. Weil ein Trend nur dann einer ist, wenn er auf der Strasse sichtbar wird. Aktuelles Beispiel: farbige Jeans, am besten in Rot.


Blogs sind nicht nur realitätsnaher als Hochglanzmagazine, sondern auch schneller. Unabhängiger. Und viel lustvoller. Natürlich sind sie subjektiv, aber sie erheben auch nicht den Anspruch auf Objektivität. Hier werden Meinungen vertreten, die die Modewelt nicht gerne hört, hier werden Kollektionen als das benannt, was sie sind, und hier wird Mode gezeigt, wie sie am besten ist: kreativ, anarchisch und ohne Labelhysterie. Die Möglichkeiten dieser Internetplattform haben auch Fotografin Play verleitet, im November 2006 ihren Blog Playlust zu starten. Nebst dem Westschweizer Yvan Rodic alias Facehunter ist sie die einzige Schweizerin, die in der weltweiten und von den USA dominierten Mode-Bloggerszene einen Namen hat. Auf www.thecoolhunter.net, einer Seite, die sich den coolsten Dingen in Sachen Mode, Essen und Design verschrieben hat, fungiert ihr Blog unter den Top 20. «Gelesen werde ich in der Schweiz, in Schweden, England, Deutschland, und sogar in Brasilien», sagt Play. Ein Zufall ist das nicht, ihre Bilder von besonders eigenwillig gekleideten Mitmenschen verraten ihr untrügliches Auge; hilfreich ist natürlich auch, dass ihr Blog in tadellosem, sehr witzigem Englisch geschrieben ist.

Humor und Individualismus statt Hypes und Personenkult

Modeblogs wie Playlust, Fashionologie, Shoeblogs oder Fashion Addict Diary sind eine Wohltat. Weil sie über jene Essenz verfügen, die Modemagazine längst verloren haben: Authentizität – also Glaubwürdigkeit. Modeblogs huldigen dem Individualismus; eigentlich ein zentraler Begriff der Mode und eng mit ihrem Selbstverständnis verknüpft, dennoch scheint es, als sei er ihr abhanden gekommen. Die Mode dreht sich um It-Bags und Must-Haves, die Magazine liefern Anleitungen, wie man sich wie die prominenten Vorbilder einkleiden kann. «Es geht in diesen Magazinen immer um Diktate», sagt Play, «dabei soll Mode doch vor allem Spass machen.»

Im Unterschied zu Magazinen machen Blogs Spass. Ihr Ton ist humorvoll, manchmal auch bitterböse. Klatsch wird genüsslich zelebriert, und die Verfasser betrachten weder sich selbst noch die Mode als todernste Angelegenheit. Dass die meisten Blogs anonym betrieben werden, die Hinweise auf die Person dahinter nur sehr dürftig sind, ist Programm – und widerspiegelt die Einstellung der Blogger. Auch Play findet, ihr richtiger Name sei unwichtig, es gehe nicht um sie. «Wir Blogger sind eben gerade keine Fashion-Victims. Die Stars interessieren uns nicht, die Hypes auch nicht. Uns geht es um die Mode, und die hat weder mit Geld noch mit Marken noch mit Personenkult was zu tun.»

Auf die Spitze treibt dies Manolo The Shoeblogger. Er, vorausgesetzt, es handelt sich tatsächlich um einen Mann, ist das Mysterium der Szene, seit er vor zweieinhalb Jahren anfing, in einem hinreissend-komischen Englisch über Schuhe und Prominente zu parlieren. Manolo korrespondierte zwar ein Jahr lang äusserst charmant mit der britischen «Vogue», stand aber am Ende nicht einmal für ein telefonisches Interview zur Verfügung.

Der konservativen Modebranche sind die Blogs ein Dorn im Auge. Blogger, auch wenn sie längst als Instanz gelten, erhalten keine Einladungen zu den Schauen; Anna Wintour, Chefredaktorin der «US-Vogue», ist alleine das Wort «Blog» derart ungeheuer, dass sie zwar neu eine tägliche Klatschkolumne – also einen Blog – auf ihrer Homepage schalten möchte, die Redaktion jedoch angewiesen hat, ein anderes Wort als Blog dafür zu verwenden.

Erstaunlich ist das nicht, schliesslich stehen Blogs für jene freche Unbeschwertheit, die sich die Magazine nicht leisten können. Blogs sind weit gehend werbefrei – und damit unabhängig. Geld verdienen lässt sich damit dennoch, wenn auch indirekt: «Gerade für Fotografen sind Blogs ein hervorragendes Portfolio. Es lassen sich Kontakte knüpfen, die zu neuen Aufträgen führen», erklärt Play. So bleibt das Bloggen nicht länger nur ein zeitintensives, aber brotloses Hobby. Manolo, der Werbung akzeptiert und damit rund 850.000 Franken jährlich verdienen soll, wie die «Vogue» vermutet, ist aber eine Ausnahme.
Die Modemagazine sind vom Goodwill der Branche abhängig
Ein Modemagazin hingegen ist nicht frei, es ist abhängig von den Anzeigenkunden, die das Heft finanzieren. Verscherzen möchte man es mit den mächtigen Modehäusern nicht; die Branche reagiert äusserst ungnädig auf Kritik. Bei nicht genehmer Berichterstattung werden da schon mal Anzeigenboykotte verhängt, wie damals, als Suzy Menkes von der «Herald Tribune» es wagte, eine Chanel-Tasche als «unmodern» zu bezeichnen. Cathy Horyn, Moderedaktorin der «New York Times», erhält keine Einladungen zu den Schauen von Dolce & Gabbana mehr, seit sie sich darüber nicht euphorisch genug geäussert hat.
Zeitungen wie die «New York Times», die «Washington Post» oder der «Daily Telegraph» sind davon wenig beeindruckt und lassen ihre Redaktorinnen neben den offiziellen Artikeln in den Print-Ausgaben zusätzlich in Blogs von den Schauen berichten. Wenn da die schwarze Journalistin Robin Givhan sinniert, inwieweit es an ihrer Hautfarbe liegt, dass sie regelmässig an der Eingangstüre abgewiesen wird, und inwiefern dies damit zusammenhängt, dass es in der Modebranche keine dunkelhäutigen Exponenten gibt, dann ist dies weitaus bemerkenswerter als jede Berichterstattung über die Trends der nächsten Saison.
Quelle: sonntagszeitung.ch – Bettina Weber
Das bekommt man doch richtig Lust noch mehr Gas zu geben.
Eine Aufstellung aller Modeblogs Step by Step unter Fashion-Blogs.

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